Das Geheimnis der Erdställe

 

Eine außergewöhnliche Form von künstlichen, unterirdischen Bauten ist über weite Teile Europas aufzufinden.

Diese Anlagen nennen sich in der Archäologensprache „Erdställe“.

 

Die Bezeichnung „Erdstall“ leitet sich von dem Begriff „Stelle“ im Sinne von Ort oder Platz ab (vgl. „Burgstall“, ein Ort oder Hügel, auf dem eine Burg errichtet wurde). Der Begriff hat also nichts mit einem Stall für Tiere zu tun.

 

Erdställe sind künstliche, von Menschenhand angelegte unterirdische Höhlen und Gangsysteme.

 

Rekonstruktion einer Anlage im Bay. Wald

 

Im Bayerischen Wald, wo die Erdställe noch in größer Zahl erhalten sind, heißen sie Schrazellöcher, ansonsten nennt sie der Volksmund "Erdweiblschlupf", "Zwergloch", "Alraunhöhle" usw..  Fast immer sind im Zusammenhang dazu, in der Bevölkerung Sagen über Zwerge und Geister überliefert. Obwohl es keine völlig identischen Erdställe gibt, scheinen sie doch alle nach einem gleichen Grundkonzept angelegt: wer zum ersten Mal einen Erdstall betritt, ist von seiner räumlichen Enge betroffen. Schon aus Platzangst schreckt so mancher davor zurück, sich in diese Unterwelt zu begeben. Die Erdställe bestehen aus spitzbogenförmigen oder halbrunden Gängen. Diese sind sehr niedrig und  schmal, so dass man sich meist nur gebückt, in vielen Fällen aber auch nur kriechend fortbewegen kann. Erschwert wird dies auch noch durch sehr enge und  schmale Durchlässe, sogenannte Schlupflöcher, die mit einem Durchmesser von oftmals nicht mehr als 40 cm ein Vorankommen auch für schlanke Menschen nur unter größten Mühen ermöglicht. Diese Schlupflöcher führen nicht nur in horizontaler (waagerechter) Richtung, nein auch vertikale (senkrechte) Richtungswechsel werden durch sie erzwungen. Damit werden Gänge und Räume erreicht, die in unterschiedlichen Tiefenebenen liegen. Die Richtungswechsel, sowohl nach links und rechts, wie aber auch nach oben und unten scheinen völlig irrational. Manchmal gleichen auch Stufen Niveauunterschiede aus. Unterbrochen werden die Gänge auch immer wieder von Verzweigungen und mehr oder minder großen Nischen und  Kammern, die sogar teilweise mit niedrigen, in das Erdreich oder Gestein gearbeitete „Sitzbänke“ ausgestattet sind.

Auch kleine Einkerbungen in den Gangwänden, Wandnischen die als Licht- oder Tastnischen gedeutet werden, sind in mehr oder minder regelmäßigen Abständen vorhanden. Überaus beeindruckend zeigt sich dann oft das letzte Element des Erdstalles. Dort befindet sich die Schlusskammern, die man erst nach der Überwindung schwierigster Passagen erreicht. Ihre  oft überraschende Architektur ist sehr eindrucksvoll  und bietet häufig ein ausgesprochen sakrales Bild. Dies ist die größte Kammer des Erdstalles mit oftmals außerordentlich sorgfältig gearbeiteten Wandnischen und in das Erdreich oder in das Gestein gearbeiteten Sitzbänke.

 

Obwohl die Erdställe seit mehr als 100 Jahren in der Archäologie bekannt sind, stellen sie immer noch ein Rätsel dar.

Über das Alter und Herkunft, dem Sinn und Zweck dieser Anlagen wird bis heute gerätselt.

 

Erdställe zeigen sich immer fundleer.

Es wurden von den Erbauern und/oder Nutzern dieser Anlagen keine datierbaren Gegenstände hinterlassen. Auch wurden bisher keine nachweisbaren Bestattungen darin gefunden.

 

Nur sehr wenige Holz und Holzkohlereste, die auf dem Grund von Bauschächten dieser Anlagen gefunden wurden, lassen darauf schließen, dass Erdställe bis in das frühe Mittelalter, bis in die Zeit von etwa 1000 n. Chr. gebaut wurden.

Wann allerdings die ersten Erdställe im Laufe der Geschichte erschienen, und warum sie angelegt wurden, kann damit nicht nachgewiesen werden.

Auffallend ist, dass der Gebrauch der Erdställe zu einem Zeitpunk jäh endet. Wie auf ein Kommando, in der besonders unsicheren und kriegerischen Zeit des 12. bis 14 Jahrhunderts wurden die meisten Erdställe, aus welchen Gründen auch immer, verfüllt, verschlossen und bewusst unbrauchbar gemacht.

 

Spielt hier der Einfluss der christlichen Glaubensrichtung eine Rolle?

 

Im süddeutschen Raum sind etwa 600, in Österreich etwa 300 dieser unterirdischen Anlagen bekannt.

 

Das Verbreitungsgebiet zieht sich über die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich, Bayern, Frankreich, Spanien bis hin zu den britischen Inseln.

 

Gleicht nicht dieser Verbreitungsraum exakt dem Verbreitungsraum keltischer Viereckschanzen?

 

Europaweit dürfte sich die Zahl der bekannten Erställe auf mehr als 2000 belaufen.

 

Und immer wieder werden bei Aushubarbeiten, anderen baulichen Tätigkeiten oder durch Erdeinbrüche neue Erdställe entdeckt.

Ein Ende der Wiederentdeckungen dieser Anlagen ist nicht abzusehen.

 

Auffallend ist, dass Erdställe immer wieder in unmittelbarer Umgebung von Friedhöfen, Kirchen und Kapellen (für einige Kirchen ist sogar ein Zugang zu den Erdställen belegt), Burg- Schloss- und Hofställen aufgefunden wurden und werden. Erdställe willkürlich im Gelände ohne nachvollziehbare Zuordnung zu o.g. Baulichkeiten sind äußerst selten.

 

Sind nun Erdställe Zweckbauten oder Kultstätten? Das Geheimnis der Erdställe konnte bisher nicht zweifelsfrei gelüftet werden.

 

Die irrationale Bauweise schließt aus, dass sie als Vorratsräume, Wasserstollen, Grubenstollen oder Wohnhöhlen genutzt wurden. Einige Forscher deuten sie als Zufluchtsstätten. Andere vertreten die These, dass es sich um unterirdische Kultstätten handelt. Namenkunde, Sagen, Siedlungsgeschichte, geringe Benutzungsspuren, methodische Zufüllung und alte Glaubensvorstellungen, die im Ahnenkult wurzeln, wären wichtige Argumente dafür.

 

Sind sie der Eingang in die Unterwelt, zu einem Reich unter der Erde?

Zu einem Ort der Erneuerung und Wiedergeburt?

Ein Ort für Heil- Abstreif- und Reinigungsriten?

Der Ort eines Höhlenorakels?

Ein Leergrab für die Seelen der Ahnen?

Der Wohnort von Zwergen und Trollen? Ein Ort für Einweihungs-, Aufnahme- oder Initiationsriten?

Sind sie der Schoß der Mutter Erde?

Die Erdställe werfen noch viele Fragen auf.

 

 


Der Erdstall des Schlossberges Unterholzen

 

Im Sommer 2003 konnte ich mit einer Gruppe Interessierter den Schlossberg von Unterholzen (Lks. Passau) samt Umgebung und Erdstall besuchen. Vielen Dank dafür an den Besitzer Josef Wasmeier.

 

(Abb. 2   Schloss Unterholzen)

 

Bereits im frühen 12. Jahrhundert wird der Sitz Unterholzen (mittelalterl. Hinterholzen) auf einem tertiären Sandhügel urkundlich erwähnt. Aber zahlreiche vorgeschichtliche Bodendenkmäler (Grabhügelfelder, keltische Viereckschanzen usw.) im unmittelbaren Umkreis des Schlossberges zeigen, dass auch die vorgeschichtlichen Kulturen von diesem Ort angezogen wurden. Sagen über ein Schloss und einen sich darunter befindlichen unterirdischen Gang haben sich über Jahrhunderte in der Bevölkerung gehalten. Aufgrund dieser Sagen wurde ab dem Jahr 1996 begonnen, mit Wünschelruten den ganzen Schlossberg systematisch zu untersuchen. Und man wurde fündig: Am 25. April 1997 kommt bei Grabungen ein unterirdischer Gang zum Vorschein! Ein Gang mit Nischen, Treppen, größeren Räumen und Schlupflöchern.

Nach Jahrhunderten   - vielleicht auch  Jahrtausenden  -    wird der Erdstall von Unterholzen wieder von Menschen betreten.

 

 

Nach der Ankunft in Unterholzen und einer Einführung in die Thematik „Erdstall“ und Geomantie besuchten wir zuerst die nähere Umgebung des Schlossberges. Unser Ziel war eine relativ gut erhaltene keltische Viereckschanze im Reitholz  und ein etwa 30 Hügel umfassendes Grabhügelfeld auf dem Kleeberg.

Die Energien der Viereckschanze wurden von allen Teilnehmern als äußerst unruhig, aggressiv, teilweise sogar als beängstigend empfunden. Von einigen Teilnehmern  konnte die Anwesenheit diverser Wesenheiten wahrgenommen werden.

Eine geomantische Zone die diagonal über die Viereckschanze zu muten ist, scheint genau in Richtung zum Schlossberg Unterholzen zu verlaufen.

Das Grabhügelfeld auf dem Kleeberg zeigte eine ganz andere energetische Situation. Die Teilnehmer verspürten eine Ruhe und Stille, fast ein Eintauchen in die Zeitlosigkeit. So manchem fiel es schwer, diesen Ort wieder zu verlassen.

Auch über den Kleeberg ist eine geomantische Zone zu muten, die sich in Richtung des Schlossberges Unterholzen zieht.

So eingestimmt auf die Energien dieser Region machten wir uns auf, den Schlossberg Unterholzen zu erkunden.

Zu unserem Erstaunen fanden wir tatsächlich, die zuvor an den umgebenden Plätzen gemuteten geomantischen Zonen auf dem Schlossberg wieder, zusätzlich aber auch noch eine weitere geomantische Zone, deren Verlauf wir aber nicht weiter verfolgten. Der Schlossberg scheint also ein Kreuzungspunk, eine Schnittstelle von mind. 3 geomantischen Zonen zu sein.

Nun wurde der Einstieg zum Erdstall geöffnet, und eine erste Begehung des Erdstalles erfolgte.


Der  Erdstall von Unterholzen

 

Der Erdstall zieht sich über mehrere Ebenen in die Tiefe.

 

Der Einstieg in den Erdstall       Gang im Erdstall                    Schlupfloch                               Schlupfloch

 

 

Die Nacht auf dem Schlossberg Unterholzen

 

 

 

 

 

Nachdem sich jeder im Erdstall frei bewegen, Eindrücke sammeln und sich einfühlen konnte, beendeten wir den Tag mit einem gemeinsamen Lagerfeuer auf dem Schlossberg. Wir lauschten den Sagen, die sich um den Schlossberg ranken.

 

Der nächste Tag begann bereits vor dem Frühstück mit einer Morgenmeditation auf dem Schlossberg.

Eine wunderbare Erfahrung, das Erwachen der Natur an diesem Ort zu erleben. Bei Tagesanbruch zeigt sich  die „Seele des Ortes“ mit all seinen Naturwesenheiten besonders deutlich.

 

Nach dem Frühstück, just zu dem Zeitpunkt, als im nahegelegenem Dorf die Kirchenglocken läuteten, versammelten wir uns wieder auf dem Schlossberg.

Nun wollten wir uns dem geheimnisvollen Ort rituell nähern, um ihn mit all unseren  Sinnen zu erfahren und auch seine Aspekte außerhalb der alltäglichen Wirklichkeit zu erkennen.

Zeremoniell wurden die Teilnehmer auf den Einstieg in die „Untere Welt“ und auf die geistige Schau vorbereitet.

Jeder, der das Bedürfnis hatte, stellte sich eine klare Fragestellung zu einem aktuellen und scheinbar schwer lösbaren Problem.

Es wurden kleine Gruppen gebildet, die nacheinander hinabstiegen, jeder suchte sich seinen Platz im Erdstall, im Schoß der Mutter Erde, um bei absoluter Dunkelheit und absoluter Stille seine Reise in die nicht alltägliche Wirklichkeit anzutreten, seine Frage dort vorzubringen oder auf Zeichen, Bilder und Gefühle zu achten.

 

Bereits bei den Vorbereitungen zu dieser Exkursion hatte ich mehrmals den Erdstall aufgesucht, um darin verschiedene schamanische Techniken zu erproben

-        Rhythmus (Trommeln und Rasseln)

-        Tönen (Singen)

-        Schwingung (Didgeridoo, Klangschalen, Gong)

-        Gerüche (Räucherungen)

All das wurde als unpassend, ja sogar störend empfunden. Der intensivste „Zugang“ zu diesem Ort ist wohl nur über die absolute Stille und Dunkelheit möglich.

 

Nach geraumer Zeit kehrten die Teilnehmer, gestärkt und gefüllt mit Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen wieder zurück, aus der Dunkelheit, in das Licht des Tages.

 

Eine gemeinsame Gesprächsrunde, in der viele Teilnehmer ihre Erlebnisse und Gefühle mitteilten, war der Abschluss der Exkursion. Es war wunderschön zu erfahren, dass sich für die meisten ein ungeahnter Lösungsansatz für Ihr Problem zeigte.

 

Einen Bericht eines Erdstallbesuchers möchte ich hier wiedergeben:

 

Als ich mich zum erstenmal für längere Zeit, alleine, in einen Erdstall begab, war ich ganz überrascht, wie geborgen, wie wohl, wie aufgehoben ich mich fühlte. Ich gab mich ganz dem Fühlen hin und genoss die absolute Dunkelheit und Stille um mich herum. Nur mein eigener Herzschlag und das Rauschen meines eigen Blutes war zu hören. Ganz egal, ob ich die Augen öffnete oder schloss, immer war die gleiche Schwärze um mich.

Aber nach geraumer Zeit (was ist Zeit? Das Zeitgefühl geht irgendwie verloren) stellte ich fest, dass ich mit geöffneten Augen durchaus Lichter in verschiedenen Formen, diverse Farbnebel und Farbblitze wahrnehmen konnte. Aber nicht erschreckend, nein, irgendwie selbstverständlich. Ich hatte auch plötzlich das Gefühl von Weite, als ob es um mich herum keine Wände, keine Grenzen gäbe. Bilder zogen an mir vorbei. Es war, als ob ich eine Reise machen würde. Wo war ich eigentlich? Ich wurde immer weiter von der Realität der Höhle in der Erde weggezogen. Wohin?

Plötzlich aber verschwanden die Bilder, es war wieder schwarz um mich herum. Aber diese Schwärze veränderte sich, wurde immer schwärzer, immer dunkler. Was ist dunkler als Dunkel? Was ist schwärzer als Schwarz? Das Nichts! Ich meinte, im Nichts zu verschwinden. Wer war ich? Was ist meine Aufgabe? Was ist wirklich wichtig? Was nicht?

Aber auch ein anderes Gefühl kam auf, das Gefühl nicht mehr alleine zu sein. Ich hatte den Eindruck als ob etwas Nebelartiges, etwas Kühles mich umhüllte. Nicht erschreckend, es war einfach da. Vom Empfinden her war es so, als ob ich von Außen, aber auch von Innen, „abgescannt“ würde, überprüft auf meine Gedanken, Vorstellungen, Wünsche, Ideale und auf meine Gesinnung. In dieser Situation verharrte ich, ließ mich ganz darauf ein.

Irgendwann löste sich dieser Nebel, zog sich zurück und auch diese enorme Schwärze und Dunkelheit schwand, wurde wieder zu der normalen Dunkelheit die am Anfang meines Besuches im Erdstall herrschte. Ich fühlte mich leicht und frei.

Allerdings kam nun der Impuls, den Erdstall verlassen zu müssen, das Verlangen hinaufzusteigen in das Licht der Sonne, was ich auch dann tat.

 

Hiermit endet mein Bericht über die Umgebung, dem Schlossberg und dem Erdstall Unterholzen, einem geheimnisvollen und mystischem Ort.

 

Das Geheimnis der Erdställe ist damit nicht gelöst, über den Entstehungszeitraum, den Erbauern und dem Zweck der Anlage keine neue Erkenntnisse gewonnen, aber wer sich gefühlsmäßig dem Phänomen Erdstall nähert wird erspüren, dass diese Stellen ganz besondere Orte für unsere Ahnen waren. Orte, die auch für den heutigen, suchenden Menschen, ein Hineintauchen in  andere Welten, ein Erahnen und Wahrnehmen verschiedener Wesenheiten und das Erfühlen des wahren Ich ermöglichen.

 

 

 

 

Quellenangaben:

 

Diverse Jahreshefte und Informationen des Arbeitskreises für Erdstallforschung, Tulpenweg 11, 93426 Roding

 

„Kulthöhlen in Europa“, Heinrich und Ingrid Kusch

 

Mein besonderer Dank an den Besitzer des Schlossberges Unterholzen, Herrn Josef Wasmeier.

 

Verfasser:

 

Martin Berghammer,

Erhard-Prunner-Strasse 11

85229 Markt Indersdorf

Tel.: 08136/229062

 

Die Erdstall-Exkursion 2008 zum Erdstall Unterholzen und seiner Umgebung findet am 13./14.09.2008 statt. 

 

Mehr Information bitte klicken